MLWerke | Marx/Engels

Seitenzahlen verweisen auf: Karl Marx/ Friedrich Engels - Werke. (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 40. Berlin/DDR. 1973. S. 3-12.
1. Korrektur
Erstellt am 18.12.1999

Karl Marx

[Brief an den Vater in Trier]


|3| Berlin, den 10ten November [1837]

Teurer Vater!

Es gibt Lebensmomente, die wie Grenzmarken vor eine abgelaufene Zeit sich stellen, aber zugleich auf eine neue Richtung mit Bestimmtheit hinweisen.

In solch einem bergangspunkte fhlen wir uns gedrungen, mit dem Adlerauge des Gedankens das Vergangene und Gegenwrtige zu betrachten, um so zum Bewutsein unserer wirklichen Stellung zu gelangen. Ja, die Weltgeschichte selbst liebt solches Rckschaun und besieht sich, was ihr dann oft den Schein des Rckgehns und Stillstandes aufdrckt, whrend sie doch nur in den Lehnstuhl sich wirft, sich zu begreifen, ihre eigne, des Geistes Tat geistig zu durchdringen.

Der einzelne aber wird in solchen Augenblicken lyrisch, denn jede Metamorphose ist teils Schwanensang, teils Ouvertre eines groen neuen Gedichtes, das in noch verschwimmenden, glanzreichen Farben Haltung zu gewinnen strebt; und dennoch mchten wir ein Denkmal setzen dem einmal Durchlebten, es soll in der Empfindung den Platz wiedergewinnen, den es fr das Handlen verloren, und wo fnde es eine heiligere Sttte als an dem Herzen von Eltern, dem mildesten Richter, dem innigsten Teilnehmer, der Sonne der Liebe, deren Feuer das innerste Zentrum unserer Bestrebungen erwrmt! Wie knnte besser manches Miliebige, Tadelnswerte seine Ausgleichung und Verzeihung erhalten, als wenn es zur Erscheinung eines wesentlich notwendigen Zustandes wird, wie knnte wenigstens das oft widrige Spiel der Zuflligkeit, der Verirrung des Geistes dem Vorwurfe migestalteten Herzens entzogen werden?

Wenn ich also jetzt am Schlusse eines hier verlebten Jahres einen Blick auf die Zustnde desselben zurckwerfe und so, mein teurer Vater, Deinen so lieben, lieben Brief von Ems beantworte, so sei es mir erlaubt, meine |4| Verhltnisse zu beschauen, wie ich das Leben berhaupt betrachte, als den Ausdruck eines geistigen Tuns, das nach allen Seiten hin, in Wissen, Kunst, Privatlagen dann Gestalt ausschlgt.

Als ich Euch verlie, war eine neue Welt fr mich erstanden, die der Liebe, und zwar im Beginne sehnsuchtstrunkner, hoffnungsleerer Liebe. Selbst die Reise nach Berlin, die mich sonst im hchsten Grade entzckt, zu Naturanschauung aufgeregt, zur Lebenslust entflammt htte, lie mich kalt, ja sie verstimmte mich auffallend, denn die Felsen, die ich sah, waren nicht schroffer, nicht kecker als die Empfindungen meiner Seele, die breiten Stdte nicht lebendiger als mein Blut, die Wirtshaustafeln nicht berladener, unverdaulicher als die Phantasiepakete, die ich trug, und endlich die Kunst nicht so schn als Jenny.

In Berlin angekommen, brach ich alle bis dahin bestandenen Verbindungen ab, machte mit Unlust seltene Besuche und suchte in Wissenschaft und Kunst zu versinken.

Nach der damaligen Geisteslage mute notwendig lyrische Poesie der erste Vorwurf, wenigstens der angenehmste, nchstliegende sein, aber, wie meine Stellung und ganze bisherige Entwickelung es mit sich brachten, war sie rein idealistisch. Ein ebenso fernliegendes Jenseits, wie meine Liebe, wurde mein Himmel, meine Kunst. Alles Wirkliche verschwimmt, und alles Verschwimmende findet keine Grenze, Angriffe auf die Gegenwart, breit und formlos geschlagenes Gefhl, nichts Naturhaftes, alles aus dem Mond konstruiert, der vllige Gegensatz von dem, was da ist und dem, was sein soll, rhetorische Reflexionen statt poetischer Gedanken, aber vielleicht auch eine gewisse Wrme der Empfindung und Ringen nach Schwung bezeichnen alle Gedichte der ersten drei Bnde, die Jenny von mir zugesandt erhielt. Die ganze Breite eines Sehnens, das keine Grenze sieht, schlgt sich in mancherlei Form und macht aus dem Dichten ein Breiten.

Nun durfte und sollte die Poesie nur Begleitung sein; ich mute Jurisprudenz studieren und fhlte vor allem Drang, mit der Philosophie zu ringen. Beides wurde so verbunden, da ich teils Heineccius, Thibaut und die Quellen rein unkritisch, nur schlerhaft durchnahm, so z.B. die zwei ersten Pandektenbcher ins Deutsche bersetzte, teils eine Rechtsphilosophie durch das Gebiet des Rechts durchzufhren suchte. Als Einleitung schickte ich einige metaphysische Stze voran und fhrte dieses unglckliche Opus bis zum ffentlichen Rechte, eine Arbeit von beinahe 300 Bogen.

Vor allem trat hier derselbe Gegensatz des Wirklichen und Sollenden, |5| der dem Idealismus eigen, sehr strend hervor und war die Mutter folgender unbehlflich unrichtiger Einteilung. Zuerst kam die von mir gndig so getaufte Metaphysik des Rechts, d.h. Grundstze, Reflexionen, Begriffsbestimmungen, getrennt von allem wirklichen Rechte und jeder wirklichen Form des Rechtes, wie es bei Fichte vorkmmt, nur bei mir moderner und gehaltloser. Dabei war die unwissenschaftliche Form des mathematischen Dogmatismus, wo das Subjekt an der Sache umherluft, hin und her rsoniert, ohne da die Sache selbst als reich Entfaltendes, Lebendiges sich gestaltete, von vornherein Hindernis, das Wahre zu begreifen. Das Dreieck lt den Mathematiker konstruieren und beweisen, es bleibt bloe Vorstellung im Raume, es entwickelt sich zu nichts Weiterem, man mu es neben anderes bringen, dann nimmt es andere Stellungen ein, und dieses verschieden an dasselbe Gebrachte gibt ihm verschiedene Verhltnisse und Wahrheiten. Dagegen im konkreten Ausdruck lebendiger Gedankenwelt, wie es das Recht, der Staat, die Natur, die ganze Philosophie ist, hier mu das Objekt selbst in seiner Entwicklung belauscht, willkrliche Einteilungen drfen nicht hineingetragen, die Vernunft des Dinges selbst mu als in sich Widerstreitendes fortrollen und in sich seine Einheit finden.

Als zweiter Teil folgte nun die Rechtsphilosophie, d.h. nach meiner damaligen Ansicht die Betrachtung der Gedankenentwicklung im positiven rmischen Rechte, als wenn das positive Recht in seiner Gedankenentwicklung (ich meine nicht in seinen rein endlichen Bestimmungen) berhaupt irgend etwas sein knnte, verschieden von der Gestaltung des Rechtsbegriffes, den doch der erste Teil umfassen sollte.

Diesen Teil hatte ich nun noch obendrein in formelle und materielle Rechtslehre geteilt, wovon die erste die reine Form des Systems in seiner Aufeinanderfolge und seinem Zusammenhang, die Einteilung und den Umfang, die zweite hingegen den Inhalt, das Sichverdichten der Form in ihren Inhalt beschreiben sollte. Einen Irrtum, den ich mit dem Herrn v. Savigny gemein habe, wie ich spter in seinem gelehrten Werke vom Besitz gefunden, nur mit dem Unterschied, da er formelle Begriffsbestimmung nennt, die Stelle zu finden, welche die und die Lehre im (fingierten) rmischen System einnimmt, und materielle, die Lehre von dem Positiven, was die Rmer einem so fixierten Begriff beigelegt, whrend ich unter Form die notwendige Architektonik der Gestaltungen des Begriffs, unter Materie die notwendige Qualitt dieser Gestaltungen verstanden. Der Fehler lag darin, da ich glaubte, das eine knne und msse getrennt von dem anderen sich entwickeln, und so keine wirkliche Form, sondern einen Sekretr mit Schubfchern erhielt, in die ich nachher Sand streute.

|6| Der Begriff ist ja das Vermittelnde zwischen Form und Inhalt. In einer philosophischen Entwicklung des Rechts mu also eins in dem andern hervorspringen; ja die Form darf nur der Fortgang des Inhaltes sein. So kam ich denn zu einer Einteilung, wie das Subjekt sie hchstens zur leichten und seichten Klassifizierung entwerfen kann, aber der Geist des Rechtes und seine Wahrheit ging unter. Alles Recht zerfiel in vertrags- und unvertragsmiges. Ich bin so frei, bis zur Einteilung des jus publicum, das auch im formellen Teil bearbeitet ist, das Schema zu besserer Versinnlichung herzusetzen.

I.

II.

jus privatum.

jus publicum.

I. jus privatum.

a) Vom bedingten vertragsmigen Privatrecht,
b) vom unbedingten unvertragsmigen Privatrecht.

A. Vom bedingten vert[ragsmigen] Privatrecht.

a) Persnliches Recht. b) Sachenrecht. c) Persnlich dingliches Recht.

a) Persnliches Recht.

I. Aus belstigtem Vertrag, II. aus Zusicherungsvertrag, III. aus wohlttigem Vertrag.

I. Aus belstigtem Vertrag.

2. Gesellschaftsvertrag (societas). 3. Verdingungsvertrag (locatio conductio).

3. Locatio conductio.

  1. Soweit er sich auf operae |Dienste| bezieht.
  2. a) Eigentliche locatio conductio (weder das rmische Vermieten noch Verpachten gemeint!),

b) mandatum |Auftrag|.

2. Soweit er sich auf usus rei |Gebrauchsrecht an einer Sache| bezieht.

a) Auf Boden: ususfructus |Niebrauch| (auch nicht im blo rmischen Sinn), b) auf Huser: habitatio |Wohnungsrecht (zunchst im eigenen Hause, spter im Hause eines anderen)|.

|7|

II. Aus Zusicherungsvertrag.

1. Schieds- oder Vergleichungsvertrag. 2. Assekuranzvertrag.

III. Aus wohlttigem Vertrag.

2. Gutheiungsvertrag.

1. fidejussio |Brgschaft|. 2. negotiorum gestio |Geschftsfhrung ohne Auftrag|.

3. Schenkungsvertrag.

1. donatio |Schenkung|. 2. gratiae promissum |Versprechen einer Begnstigung|.

b) Sachenrecht.

I. Aus belstigtem Vertrag.

2. permutatio stricte sic dicta |Tausch im ursprnglichen Sinne|.

1. Eigentliche permutatio |Tausch|. 2. mutuum (usurae) |Darlehen (Zinsen)| . 3. emtio venditio |Kauf Verkauf|.

II. Aus Zusicherungsvertrag.

Pignus |Faustpfand|.

III. Aus wohlttigem Vertrag.

2. commodatum |Leihe, Leihvertrag|. 3. Depositum |Aufbewahrung anvertrauten Gutes|.

Doch was soll ich weiter die Bltter fllen mit Sachen, die ich selbst verworfen? Trichotomische Einteilungen gehn durch das Ganze durch, es ist mit ermdender Weitlufigkeit geschrieben und die rmischen Vorstellungen auf das barbarischste mibraucht, um sie in mein System zu zwngen. Von der anderen Seite gewann ich so Liebe und berblick zum Stoffe wenigstens auf gewisse Weise.

Am Schlusse des materiellen Privatrechtes sah ich die Falschheit des Ganzen, das im Grundschema an das Kantische grenzt, in der Ausfhrung gnzlich davon abweicht, und wiederum war es mir klargeworden, ohne Philosophie sei nicht durchzudringen. So durfte ich mit gutem Gewissen mich abermals in ihre Arme werfen und schrieb ein neues metaphysisches Grundsystem, an dessen Schlu ich abermals seine und meiner ganzen frheren Bestrebungen Verkehrtheit einzusehn gezwungen wurde.

|8| Dabei hatte ich die Gewohnheit mir eigen gemacht, aus allen Bchern, die ich las, Exzerpte zu machen, so aus Lessings Laokoon, Solgers Erwin, Winckelmanns Kunstgeschichte, Ludens deutscher Geschichte, und so nebenbei Reflexionen niederzukritzeln. Zugleich bersetzte ich Tacitus' Germania, Ovids libri tristium und fing privatim, d.h. aus Grammatiken, Englisch und Italienisch an, worin ich bis jetzt nichts erreicht, las Kleins Kriminalrecht und seine Annalen und alles Neueste der Literatur, doch nebenhin das letztere.

Am Ende des Semesters suchte ich wieder Musentnze und Satyrmusik, und schon in diesem letzten Heft, das ich Euch zugeschickt, spielt der Idealismus durch erzwungnen Humor (Scorpion und Felix), durch ein milungenes, phantastisches Drama (Oulanem) hindurch, bis er endlich gnzlich umschlgt und in reine Formkunst, meistenteils ohne begeisternde Objekte, ohne schwunghaften Ideengang, bergeht.

Und dennoch sind diese letzten Gedichte die einzigen, in denen mir pltzlich wie durch einen Zauberschlag - ach! der Schlag war im Beginn zerschmetternd - das Reich der wahren Poesie wie ein ferner Feenpalast entgegenblitzte und alle meine Schpfungen in nichts zerfielen.

Da bei diesen mancherlei Beschftigungen das erste Semester hindurch viele Nchte durchwacht, viele Kmpfe durchstritten, viele innere und uere Anregung erduldet werden mute, da ich am Schlusse doch nicht sehr bereichert hinaustrat und dabei Natur, Kunst, Welt vernachlssigt, Freunde abgestoen hatte, diese Reflexion schien mein Krper zu machen, ein Arzt riet mir das Land, und so geriet ich zum ersten Mal durch die ganze lange Stadt vor das Tor nach Stralow |Stralau|. Da ich dort aus einem bleichschtigen Schmchtling zu einer robusten Festigkeit des Krpers heranreifen wrde, ahnte ich nicht.

Ein Vorhang war gefallen, mein Allerheiligstes zerrissen, und es muten neue Gtter hineingesetzt werden.

Von dem Idealismus, den ich, beilufig gesagt, mit Kantischem und Fichteschem verglichen und genhrt, geriet ich dazu, im Wirklichen selbst die Idee zu suchen. Hatten die Gtter frher ber der Erde gewohnt, so waren sie jetzt das Zentrum derselben geworden.

Ich hatte Fragmente der Hegelschen Philosophie gelesen, deren groteske Felsenmelodie mir nicht behagte. Noch einmal wollte ich hinabtauchen in das Meer, aber mit der bestimmten Absicht, die geistige Natur ebenso notwendig, konkret und festgerundet zu finden wie die krperliche, nicht |9| mehr Fechterknste zu ben, sondern die reine Perle ans Sonnenlicht zu halten.

Ich schrieb einen Dialog von ungefhr 24 Bogen: Kleanthes, oder vom Ausgangspunkt und notwendigen Fortgang der Philosophie. Hier vereinte sich einigermaen Kunst und Wissen, die ganz auseinandergegangen waren, und ein rstiger Wandrer schritt ich ans Werk selbst, an eine philosophisch-dialektische Entwicklung der Gottheit, wie sie als Begriff an sich, als Religion, als Natur, als Geschichte sich manifestiert. Mein letzter Satz war der Anfang des Hegelschen Systems, und diese Arbeit, wozu ich mit Naturwissenschaft, Schelling, Geschichte einigermaen mich bekannt gemacht, die mir unendliches Kopfbrechen verursacht und so |...In der Handschrift nicht zu entziffern; vermutlich zwei gestrichene Wortfragmente| geschrieben ist (da sie eigentlich eine neue Logik sein sollte), da ich jetzt selbst mich kaum wieder hineindenken kann, dies mein liebstes Kind, beim Mondschein gehegt, trgt mich wie eine falsche Sirene dem Feind in den Arm.

Vor rger konnte ich einige Tage gar nichts denken, lief wie toll im Garten an der Spree schmutzigem Wasser, das Seelen wscht und Tee verdnnt umher, machte sogar eine Jagdpartie mit meinem Wirte mit, rannte nach Berlin und wollte jeden Eckensteher umarmen.

Kurz darauf trieb ich nur positive Studien, Studium des Besitzes von Savigny, Feuerbachs und Grolmanns Kriminalrecht, de verborum significatione von Cramer, Wening-Ingenheims Pandektensystem und Mhlenbruch: doctrina Pandectarum, woran ich noch immer durcharbeite, endlich einzelne Titel nach Lauterbach, Zivilproze und vor allem Kirchenrecht, wovon ich den ersten Teil, die concordia discordantium canonum von Gratian fast ganz im corpus durchgelesen und exzerpiert habe, wie auch den Anhang, des Lancelotti Institutiones. Dann bersetzte ich Aristoteles' Rhetorik teilweise, las des berhmten Baco v. Verulam: de augmentis scientiarum, beschftigte mich sehr mit Reimarus, dessen Buch Von den Kunsttrieben der Tiere ich mit Wollust durchgedacht, verfiel auch auf deutsches Recht, doch hauptschlich nur, insofern ich die Kapitulare der frnkischen Knige und der Ppste Briefe an sie durchnahm. Aus Verdru ber Jennys Krankheit und meine vergeblichen, untergegangenen Geistesarbeiten, aus zehrendem rger, eine mir verhate Ansicht zu meinem Idol machen zu mssen, wurde ich krank, wie ich schon frher Dir, teurer Vater, geschrieben. Wiederhergestellt, verbrannte ich alle Gedichte und Anlagen zu Novellen etc. in dem Wahn, ich knne ganz davon ablassen, wovon ich bis jetzt allerdings noch keine Gegenbeweise geliefert.

|10| Whrend meines Unwohlseins hatte ich Hegel von Anfang bis Ende, samt den meisten seiner Schler, kennengelernt. Durch mehre Zusammenknfte mit Freunden in Stralow geriet ich in einen Doktorklub, worunter einige Privatdozenten und mein intimster der Berliner Freunde, Dr. Rutenberg. Hier im Streite offenbarte sich manche widerstrebende Ansicht, und immer fester kettete ich mich selbst an die jetzige Weltphilosophie, der ich zu entrinnen gedacht, aber alles Klangreiche war verstummt, eine wahre Ironiewut befiel mich, wie es wohl leicht nach so viel Negiertem geschehn konnte. Hinzu kam Jennys Stillschweigen, und ich konnte nicht ruhn, bis ich die Modernitt und den Standpunkt der heutigen Wissenschaftsansicht durch einige schlechte Produktionen wie Den Besuch etc. erkauft hatte.

Wenn ich hier vielleicht Dir dies ganze letzte Semester weder klar dargestellt noch in alle Einzelnheiten eingegangen, auch alle Schattierungen verwischt, so verzeihe es meiner Sehnsucht, von der Gegenwart zu reden, teurer Vater.

H. v. Chamisso hat mir einen hchst unbedeutenden Zettel zugeschickt, worin er mir meldet, er bedaure, da der Almanach meine Beitrge nicht brauchen knne, weil er schon lange gedruckt ist. Ich verschluckte ihn aus rger. Buchhndler Wigand hat meinen Plan dem Dr. Schmidt, Verleger des Wunderschen Kaufhauses von gutem Kse und schlechter Literatur, zugeschickt. Seinen Brief lege ich bei; der letztere hat noch nicht geantwortet. Indessen gebe ich keinenfalls diesen Plan auf, besonders da smtliche sthetischen Berhmtheiten der Hegelschen Schule durch Vermittlung des Dozenten Bauer, der eine groe Rolle unter ihnen spielt, und meines Koadjutors Dr. Rutenberg, ihre Mitwirkung zugesagt.

Was nun die Frage hinsichtlich der kameralistischen Karriere betrifft, mein teurer Vater, so habe ich krzlich die Bekanntschaft eines Assessors Schmidthnner gemacht, der mir geraten, nach dem dritten juristischen Examen als Justitiarus dazu berzugehn, was mir um so eher zusagen wrde, als ich wirklich die Jurisprudenz aller Verwaltungswissenschaft vorziehe. Dieser Herr sagte mir, da vom Mnsterschen Oberlandesgericht in Westfalen er selber und viele andere in drei Jahren es bis zum Assessor gebracht, was nicht schwer sei, es versteht sich bei vielem Arbeiten, da hier die Stadien nicht wie in Berlin und anderswo fest bestimmt sind. Wenn man spter als Assessor promoviert zum Dr., sind auch viel leichter Aussichten vorhanden, sogleich als auerordentlicher Professor eintreten zu knnen, wie |11| es dem H. Grtner in Bonn gegangen, der ein mittelmiges Werk ber Provinzialgesetzbcher schrieb und sonst nur darin bekannt ist, da er sich zur Hegelschen Juristenschule bekennt. Doch, mein teurer, bester Vater, wre es nicht mglich, dies alles persnlich mit Dir zu besprechen!l Eduards' Zustand, des lieben Mtterchens Leiden, Dein Unwohlsein, obgleich ich hoffe, da es nicht stark ist, alles lie mich wnschen, ja macht es fast zur Notwendigkeit, zu Euch zu eilen. Ich wrde schon da sein, wenn ich nicht bestimmt Deine Erlaubnis, Zustimmung bezweifelt.

Glaube mir, mein teurer, lieber Vater, keine eigenntzige Absicht drngt mich (obgleich ich selig sein wrde, Jenny wiederzusehn), aber es ist ein Gedanke, der mich treibt, und den darf ich nicht aussprechen. Es wre mir sogar in mancher Hinsicht ein harter Schritt, aber wie meine einzige, se Jenny schreibt, diese Rcksichten fallen alle zusammen vor der Erfllung von Pflichten, die heilig sind.

Ich bitte Dich, teurer Vater, wie Du auch entscheiden magst, diesen Brief, wenigstens dies Blatt der Engelsmutter nicht zu zeigen. Meine pltzliche Ankunft knnte vielleicht die groe, herrliche Frau aufrichten.

Der Brief, den ich an Mtterchen geschrieben, ist lange vor der Ankunft von Jennys liebem Schreiben abgefat, und so habe ich unbewut vielleicht zuviel von Sachen geschrieben, die nicht ganz oder gar sehr wenig passend sind

In der Hoffnung, da nach und nach die Wolken sich verziehn, die um unsere Familie sich lagern, da es mir selbst vergnnt sei, mit Euch zu leiden und zu weinen und vielleicht in Eurer Nhe den tiefen, innigen Anteil, die unermeliche Liebe zu beweisen, die ich oft so schlecht nur auszudrcken vermag, in der Hoffnung, da auch Du, teurer, ewig geliebter Vater, die vielfach hin- und hergeworfene Gestaltung meines Gemtes erwgend, verzeihst, wo oft das Herz geirrt zu haben scheint, whrend der kmpfende Geist es bertubte, da Du bald wieder ganz vllig hergestellt werdest, so da ich selbst Dich an mein Herz pressen und mich ganz aussprechen kann

Dein Dich ewig liebender Sohn

Karl

Verzeihe, teurer Vater, die unleserliche Schrift und den schlechten Stil; es ist beinahe 4 Uhr, die Kerze ist gnzlich abgebrannt und die Augen |12| trb; eine wahre Unruhe hat sich meiner bemeistert, ich werde nicht eher die aufgeregten Gespenster besnftigen knnen, bis ich in Eurer lieben Nhe bin.

Gre gefllig meine se, herrliche Jenny. Ihr Brief ist schon 12mal durchlesen von mir, und stets entdecke ich neue Reize. Es ist in jeder, auch in stilistischer Hinsicht der schnste Brief, den ich von Damen denken kann.


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